Das kleine unbezahlbare Geschenk - preachers.news
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Das kleine unbezahlbare Geschenk

(Eine berührende Geschichte zur «heiligen Nacht» – Rolf Krenzer nacherzählt)

Eben hatte der Erzengel Gabriel, umgeben von seinem himmlischen Hofstaat, den Hirten auf Bethlehems Feldern die Geburt des göttlichen Babys angekündet: Da beschlossen sie, zur Bescherung zum Stall zu gehen. Der Ort war unverkennbar, denn drüber leuchtete seit kurzem ein heller Schweifstern am Himmel. Alle suchten sie bei ihren Habseligkeiten nach einem passenden Geschenklein für das Neugeborene: Ein Becherchen frische Schafmilch molk der eine; sein kuscheliges Lammfell war der andere bereit zu verschenken. Es war sehr kühl in dieser heiteren Nacht. Auch der junge Hirtenknabe suchte in seinem Verschlag nach etwas Brauchbarem. Er war Waise und bettelarm, nach dem Tod seines bewunderten Hirtenvaters in der Obhut dessen Kollegen zurückgeblieben. Hinten in der Ecke, in seinem zerschlissenen Bündel Habseligkeiten, fand er nur die kleine Kerze, die ihm seine Mutter noch liebevoll auf dem Totenbett überreicht hatte: «Bewahre sie auf für eine besondere Stunde!», hatte sie ihm mit aller mütterlichen Liebe und unter Tränen zugeflüstert. «Sie wird dir oder jemandem wunderbar leuchten!»

Er rannte den anderen hinterher zum erleuchteten Stall und drängte sich schüchtern hinein. Das kalte Sternenlicht rann fahl durch Ritzen im Dach und vermochte den schummrigen Raum kaum zu erhellen. Auch das mehr glühende als lodernde Feuer in der Feuerstelle vermochte ihn kaum auszuleuchten. Mehr als er sah, erahnte der Bursche die Präsenz der frischgebackenen Eltern, spürte die Wärme der Stalltiere und die Feuchte ihres Atems. Er drückte sich an seine älteren Freunde bei der Wand. Vor den Eltern im Futtertrog bewegte und und plärrte das Neugeborene. Einer trat vor und reichte Maria den Becher frischer Schafmilch. Der andere überreichte Josef sein Lammfell und sie betten zusammen das Baby darauf.

Da packte ihn der ältere Hirte an der Schulter und raunte ihm zu: «Zünd schon dein Kerzlein an, dann können wir es besehen.» Er kniete sich zum Feuer nieder und entzündente den Docht sorgfältig an einem züngelden Flämmchen. Es erstrahlte und erfüllte den Stallraum mit seinem warmen, flackernden Licht. Langsam kniete der Knabe sich vor der Krippe hin und leuchtete ihm ins sanfte, noch schrumplige Gesicht. Ein Lächeln huschte darüber und sein Widerschein leuchtete auf dem erschöpften Gesicht seiner Mutter, deren Augen freudig-zufrieden strahlten. Auch das Gesicht Josefs leuchtete friedlich verzückt und steckte jene der ihn umgebenden Hirten mit einem zufriedenen Lächeln an. Selbst in den grossen schwarzen Kulleraugen des wiederkäuenden Ochsen spiegelte sich das flammende Kerzlein eindrücklich fein.

Von innen überkam den Hirtenknaben ein überwältigend warmes Gefühl, wie er es zuletzt beim Abschied seiner Mutter gefühlt hatte. In jedem seiner Augen löste sich ein Tränchen und kullerte über seine vom rauhen Nordwind geröteten Wangen. Er fühlte sich glücklich und voller Dankbarkeit: Als unbezahlbar erwies sich das kleine Geschenk, das ihm seine Mutter mit letzter Kraft zugesteckt hatte. Goldenes Licht, das in besonderer Stunde fein in den Raum hineinleuchtete – und im Widerglanz des kindlichen Herzens hinausleuchtet in die weite Finsternis der Menschen und Geschöpfe auf Erden – für alle Zeiten!