Unsere Geschichten erzählen - preachers.news
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Unsere Geschichten erzählen

Heute feiern in vielen reformierten Kirchen Laien den Gottesdienst, den sie gemeinsam vorbereitet haben. Dies geschieht in Erinnerung an die Reformation – eben haben wir 2017 das 500-jährige Jubiläum gefeiert. Eine ihrer wichtigsten Errungenschaften ist die Erkenntnis, dass kein Mensch einen Vermittler (Priester) zur Kontaktnahme mit Gott braucht. Der sogenannte «Kirchensonntag» würdigt dies jährlich, heuer unter dem Titel «Unsere Geschichten erzählen».
Wir Menschen erleben Dinge nicht bloss, sondern wir bringen das Erlebte in eine Reihenfolge. Wir erzählen von Ereignissen und Handlungen in unserem Leben und verleihen ihnen damit grosse Bedeutung. Unsere ganze Lebensgeschichte nennen wir Biografie. Sie verdichtet unsere verschiedenen Erfahrungen. Sie enthält auch Spannungen, Brüche, Verzweigungen. Insgesamt spiegelt sie das, was wir als unsere Identität bezeichnen. Was ist ein Mensch? Wir Mensch sind Lebewesen, die aus der Vielzahl an Erfahrungen und Entscheidungen unsere eigene Geschichte erzählen können. Doch diese eigenen Geschichten stehen Gott sei Dank nie isoliert im leeren Raum, sondern sind verbunden mit den Geschichten unserer Eltern, den Dorf- oder Stadtgeschichten, der Geschichte des Landes, in dem wir leben. Die christliche Kultur ist über Jahrhunderte in unseren nördlichen transalpinen Gebieten Europas entstanden und von besonderen Menschen geprägt. Das beginnt mit den Missionaren. Berühmt sind in der Deutschschweiz die iro-schottischen Mönche Gallus und Beatus, die zur Christianisierung legendär beigetragen habe. Aber auch die kriegerischen Angehörigen der römischen, genannt «thebäischen» Legion, wie u.a. Felix und Regula und Ursus und Viktor, die als Märtyrer für ihre christliche Glaubensüberzeugung in den Tod gingen und zur Gründung der christlichen Städte Zürich und Solothurn und anderer helvetischer Orte beitrugen. Sie trugen mit ihren Geschichten dazu bei, dass diese über die Jahrhunderte identitässtiftende Legenden wurden, die jedes Jahr wieder neu an den zugehörigen Tagen in Gottesdienten, Wallfahrten, Prozessionen und Ritualen neu belebt werden.
So verbinden sich unsere Geschichten mit anderen Geschichten: den Geschichten unserer Kinder (die wir haben oder nicht haben), den Verlustgeschichten, wenn wir Verwandte oder Freunde verlieren, unseren Dorf- oder Stadtgeschichten. Was ist der Mensch? Der Mensch ist ein Lebewesen, dessen persönliche Geschichte mit den Geschichten anderer verbunden ist. Geschichten sind in Mode, aber nebst den unterhaltenden Storys müssen wir auch unsere grossen Geschichten wählen. Und vor allem sind sie verwoben mit der grossen Geschichte Gottes mit den Menschen, denn davon erzählt die Bibel und unsere lange christliche Tradition. Die Bibel ist voll von Geschichten, in deren Spiegel sich unser eigenes Leben deuten lässt. Was sind wir Menschen? Lebewesen, die ihre Geschichte in Beziehung zu Gott und seiner Geschichte mit der gesamten Kreatur erzählen können. Darum wollen auch wir mit allen Laien unsere Geschichte mit Gott immer wieder erzählen und miteinander im Guten teilen!